Führung wagen

Sind Leadership-Qualitäten wirklich nicht mehr gefragt?

Die Glühbirne ist nicht durch die Weiterentwicklung der Kerze erfunden worden. Vielmehr ist sie das Ergebnis eines visionären Menschens, der mit viel Akribie und einer großen Portion Sturheit an sein Ziel geglaubt, eine klare Strategie verfolgt und diese auch gegen Widerstände verteidigt hat. 

Flache Hierarchien, Konsenskultur und demokratisches Abstimmungsverhalten haben heute vielfach zu einer Arbeitswelt geführt, in der Führungsqualitäten mehr und mehr verloren gehen. Dabei wird in einer immer weniger vorhersehbaren Welt und durch eine steigende Anzahl von Anspruchsgruppen Führung immer komplexer, Strategie immer wichtiger.

Anstatt dieser Entwicklung mit entschlossenen Entscheidungen und klaren Handlungen zu begegnen, werden Meetings mit Großgruppen einberufen und jede mögliche Weichenstellung diskutiert, abgewogen und zerredet. Und das stets in der Hoffnung, für jede Herausforderung in einer großen Gruppe einen Kompromiss zu finden, mit dem alle leben können. Das hat zu einer Mittelmäßigkeit bei Managemententscheidungen geführt, die in kaum noch sichtbaren Strategien enden. Wie wahrscheinlich ist es, dass drei demokratisch gefällte Entscheidungen in drei einzelnen Meetings mit jeweils 10 unterschiedlichen Personen einem roten Faden folgen? Wo bleibt die visionäre Strategie, wenn Entscheidungen vom schwächsten Gruppenteilnehmer abhängen?

Wir müssen wieder lernen, Verantwortung zu übernehmen und das strategisch zu erreichende Ziel vor die Wohlfühlkultur aller stellen. Leadership-Qualitäten sind in diesem Zusammenhang viel mehr als autokratische Herrschaftsentscheidungen. Sie sind eng verbunden mit der Persönlichkeit einer Führungskraft. Sie spiegeln die Erfahrung, das Know-how und eine Vision wider, die das übergeordnete Ziel vor Augen hat.   

Die zentralen Fragen, die wir uns stellen müssen: Erreichen wir unsere Ziele, wenn alle involvierten Personen zustimmen müssen? Wollen wir Führungsfiguren, die glatt geschliffen, rein konsensorientiert und fußnotensicher sind? Oder wollen wir charismatische Unternehmerpersönlichkeiten fördern, die neue Wege gehen, die Innovationen anstoßen und das ein oder andere Mal auch in eine Sackgasse laufen? 

Komplexität erfordert eine intelligente Entscheidungspraxis, die auch auf Intuition und Erfahrung beruht. Führungskräfte sollten sich heutzutage vielmehr darauf konzentrieren, zukunftsrelevante Informationen im Team zu sammeln und daraus Szenarien in der Gruppe abzuleiten, aber dann eigenständig und unmissverständlich eine Entscheidung treffen. 

Eine falsch verstandene Konsenskultur führt ansonsten dazu, dass es im Unternehmen keine Vorbilder mehr gibt, Ziele weder vorgegeben noch vorgelebt werden und keine Verantwortung mehr übernommen wird. Erst eine Verantwortungs- und Wertschätzungskultur mit klar definierten gemeinsamen Zielen ermöglicht selbstorganisiertes Handeln, wie es komplexe Situationen erfordern. Dafür müssen Führungskräfte auch wieder den Mut haben, unternehmerisch zu handeln und Entscheidungen eigenständig zu verantworten.